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Wettkämpfe: JPMCCC: Das erste Mal ...
veröffentlicht 13.06.2007, 23:36 Uhr
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Laufen

Frankfurt am Main, 13. Juni 2007

Du meine Güte! Wie bin ich hier nur hergeraten!?

Ich stehe hier gegenüber dem Maintower unter einer Arkade oder so was, es ist tierisch heiß, um mich herum stehen ungefähr siebenundsechzigtausend Menschen, und ich glühe! Nicht mehr lange und ich werde vor Aufregung anfangen zu schreien!

Juliane ist an allem schuld! Sie kommt eines Tages in mein Büro, Mittagszeit, Angela ist wie immer bei mir, und erzählt uns, daß Cora und sie sich so gedacht haben, man könnte doch am JPMorgan mitmachen, wenn man walkte, und ob wir nicht mitlaufen wollten. Schließlich walkten wir ja auch schon seit geraumer Zeit (das hat man davon, wenn man zuviel quatscht und mit seinen persönlichen, lächerlichen Sporterfolgen angibt!) und wir hätten bestimmt viel Spaß! Jule ist ja auch schon mal mitgelaufen, bevor sich Ida angemeldet hat, daher weiß sie das. Und wir, also Angela und ich, sind ja als Fanclub auch schon äußerst aktiv gewesen. Mal selber laufen und sich bejubeln lassen, das ist voll toll! Na, wie wär’s?
Ich höre mich sowas ähnliches wie ”au ja” sagen, und stelle mir nicht im geringsten vor, was das für ausgiebige Folgen hat. Es folgen kurze Bemerkungen über den Gebrauch von Stöcken, was man anzieht (Frauen halt!) und wen wir noch fragen können (Kerstin, das arme Kind, muß dran glauben, weil sie seit einigen Wochen mit mir walkt, das hat sie jetzt davon!); wir trennen uns in dem Irrglauben, daß der 13. Juni ja noch hundert Jahre entfernt ist. Kerstin hat zwei Minuten später nicht den Hauch einer Chance und nickt zustimmend mit dem Kopf. Na also! Wir sind stolz und glücklich und harren der Dinge, die da kommen werden. Selbstverständlich erzählen wir jedem, auch denen, die es möglicherweise gar nicht wissen wollen, daß wir am JPMorgan teilnehmen werden, als Walker. Jawohl!

Ich bin schon gespannt, welche Startnummer ich bekommen werde. Hof-fentlich ist es eine schöne! Und wenn nicht, auch egal!

Sorgen bereitet uns der Fanclub, der arg mitgliederreduziert an die Strecke gehen muß. Ohne uns! Wer wird uns bejubeln? Machen die Jungs und Mädels das auch richtig? Wir sind schließlich alte Haudegen, was das Jubeln betrifft. Sollen wir noch Crashkurse anbieten? Wir beschließen, Mitgliederwerbung zu betreiben. (Wie sich herausstellt, werden genug Fans an der Strecke stehen. Und sie machen auch alles richtig!)

Irgendwann muß ich mich anmelden und 30 Euro bezahlen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, oder? Sonst ist die Knete weg. Kann ich mir das leisten, bei meinen schmalen Einkünften? Eigentlich nicht, also Augen zu und durch. Ist ja auch noch lange hin.

Im Laufe der hundert Jahre bis zum 13. Juni überfallen mich Versagens-ängste und die Suche nach einer Ausrede, warum ich nicht an diesem Event teilnehmen kann. Das Schlimme an der Sache ist: Ich habe das jetzt schon meinem Bruder Stefan erzählt; ich komme aus dieser Nummer nicht mehr heraus! Er wird am 1. Juli am Ironman in Frankfurt teilnehmen, und ich schaffe die läppischen 5,6 Kilometer nicht, die ich nur walke!? Nein, dafür habe ich jetzt die Klappe zu weit aufgerissen, da muß ich jetzt durch! Vielleicht wird der JPMorgan ja noch aus irgendwelchen Gründen abgesagt! Okay, ich glaube auch noch an den Weihnachtsmann!

Zu alledem kommt die endlose Diskussion darüber, ob wir mit oder ohne Stöcke laufen. Angela meint, ohne sie wäre der Lauf zu anstrengend für ihre Knie, die ihr das nicht verzeihen würden. Kerstin und ich, die wir ja nicht wirklich sportlich sind, haben die Strecke von 5,6 Kilometern bereits im Wald ohne Gehhilfen walken können, ohne ein Sauerstoffzelt auf-suchen zu müssen und ohne nennenswerte, abschreckende Nebenwirkungen. Wir haben sozusagen den Ernstfall geübt, um die Distanz zu testen und im Notfall die Stöcke stehen lassen zu können. Allerdings haben wir auch keine Probleme mit den Knien (sondern mit was anderem). Dafür ist Angela besser im Training!

Kurz vor dem Lauf finde ich im Internet den Hinweis, daß Stöcke wegen der Verletzungs- und Behinderungsgefahr während des Laufs verboten sind. Angela reagiert auf die Bedenken mit Ablehnung und will dann eben nicht mitlaufen. Aber ohne sie macht es ja auch keinen Spaß! Och Mensch! Wegen der doofen Stöcke! Wir beschließen, ein Paar Stöcke mitzunehmen und kurzfristig zu entscheiden, ob sie mitmachen dürfen oder nicht.

Zwei Tage vor der Entscheidung bekomme ich mein hbm-JPMorgan-Mitläufer-T-Shirt. Ich bin entsetzt! Wo ist unser Fanclub-Slogan

”Hessens beste Mannschaft”?

Wenn wir unseren Landesbetrieb schon klein abkürzen müssen, warum steht dann nicht wenigstens die wahre Bedeutung groß auf dem T-Shirt?! Enttäuschung überkommt mich! Immerhin ist das Shirt in Zeltgröße passend für meinen Körperumfang. Hoffentlich läuft es nicht ein! Sonst muß ich wie eine ungepellte Gref Völ-sing-Rindswurst durch Frankfurts Straßen laufen, bemerkt von hunderttausend Zuschauern, die sich fragen werden, warum so eine dicke Wurst bei einem derartigen Event mitmachen muß. Aber halt! Ist fehlende hbm-Uniformität ein Wettbewerbsausschlußgrund? Dann wasche ich das gute Stück ein bißchen heißer als erlaubt, und dann wird man mich aus der Mannschaft werfen! Das könnte mir so passen; klappt nicht.

Am Dienstag bekomme ich meine Startnummer. Es ist die 77633. Das kann ja nur gut gehen: In der Mitte steckt die 7 für den Monat Juli, in dem ich das Licht der Welt erblickte, und die 63 für mein Geburtsjahr, was will ich mehr? Das ist meine Nummer, meine Startnummer!

Am Abend vor dem Tag X packe ich gewissenhaft meine Sporttasche. Ich nehme alles mit, was ich auch nur ganz entfernt eventuell brauchen könnte. Nichts soll dem Zufall überlassen sein, an nichts soll die Teilnahme scheitern. Nanu, ich freue mich!? Stolz und große Erwartungen befallen mich. Zum ersten Mal ist mir bewußt, daß ich morgen eine Startnummer, meine Startnummer tragen werde. So ein Ding, das ich bisher nur von Stefans Marathons und Juljas Bambiniläufen kenne. Bestimmt wird das ein Spaß! Ich stecke meinen Pulsmesser ein. Bin doch gespannt, wie hoch mein Puls an einem Wettkampftag ist. Mal sehen, ob ich über die sonst hart erkämpften 120 Schläge komme. Noch die Stöcke in die Türklinke hängen und ab in die Poofe.

Der Tag der Herausforderung oder der vollkommenen Blamage ist angebrochen!

Julja zickt herum. Ich bin genervt und stehe unter Zeitdruck. Nach Rum-gebrülle am frühen Morgen geht es endlich los. Auf den JPMorgan habe ich überhaupt keine Lust mehr! Ich möchte lieber heute abend nach Hau-se gehen und meine Ruhe haben. Nachdem sich Julja aus der U-Bahn zur Schule verabschiedet hat, stelle ich mit einigem Entsetzen fest, daß ich die Stöcke vergessen habe, ich Depp! Auch das noch! Ich ernte dafür eine böse Rüge. Aber ich werde auch nicht nochmal nach Hause fahren und die Dinger holen. Außerdem habe ich ganz andere Sorgen: Mir ist immernoch keine Ausrede eingefallen, und der JPMorgan findet tatsächlich statt! Was tun?

Mir bleibt nichts anderes übrig, als wirklich mitzumachen!

Der Arbeitstag zieht sich dahin. Angela geht früh nach Hause und wird nachher direkt ins Juridicum kommen. Das Warten auf den Marschbefehl macht mich hochgradig nervös. Mir ist nur noch nicht wirklich klar, ob ich jetzt ganz wild auf den Lauf bin oder ob ich immer noch einen Rückzieher machen würde, wenn ich die Möglichkeit hätte. Wie ein Rennpferd, das sich entweder in die Startbox führen läßt oder die nächste Gelegenheit zur Flucht ergreift. Okay, rein äußerlich hinkt der Vergleich ein bißchen, aber das Bild über die nervlich angespannte Situation trifft es schon!

Irgendwann kommen ein paar Kollegen vorbei und blasen zum Angriff.

Ich stelle mit Bestürzung fest, daß ich nicht mehr Herr meiner Sinne bin. Ich quatsche ohne Ende, noch dazu völlig dummes Zeug, renne wie ein Lemming hinter den anderen her und habe keine Ahnung, was mich erwartet.

Wir kommen in der Senckenberganlage an. Hey, hier war ich schon mal, hier kenne ich mich aus! Alles läuft wie ein Film an mir vorbei. Wer ist gerade mit mir in der U-Bahn gefahren, ich kann mich nicht erinnern. Frau Gohn, Herr Göddemeyer, Kerstin, die drei bestimmt; Erich? Keine Ahnung.

Im neunten Stock sind schon ganz viele Leute. Uns Mädels wird ein Besprechungszimmer als Umkleideraum zugewiesen.

Irgendwer gibt mir den Beutel mit den Goodys vom Veranstalter. Da ist auch ein Finisher-T-Shirt drin. Moment mal! Heißt das, ich bräuchte gar nicht den Deppen auf der Straße spielen, sondern ich könnte das gute Stück auch ohne jede Anstrengung tragen? Eigentlich ja, aber Andrea, wo ist denn Dein Sportsgeist!? Was antwortest Du auf die anerkennende Frage eines anderen, ob Du tatsächlich beim JPMorgan Chase Corporate Challenge 2007 in Frankfurt am Main 5,6 Kilometer mitgelaufen bist? Hm. Okay, ich laufe beziehungsweise walke dann doch lieber mit. Jemand, der sich nicht traut, bei Rot über die Straße zu gehen, sollte bei der Wahrheit bleiben.

Ich ziehe mich also um. Pulsmesser umgehängt, Pulsuhr ums Handgelenk, ach du Schreck, jetzt schon 115 Schläge! Dafür muß ich sonst schon ungefähr zwanzig Stundenkilometer rennen! Naja, schon etwas übertrieben, aber mein Puls ist normalerweise ein bißchen träge bei Anstrengung. Das kann ja heiter werden! Die Klamotten sind schwer anzuziehen, weil ich pit-schenaß geschwitzt bin. Aber irgendwann habe ich alles da, wo es hingehört, und darf jetzt meine Startnummer anbringen! Komisch, bei Stefan war das immer ganz einfach, und jetzt breche ich mir die Finger dabei. Wie die Nummer an meinen Bauch kommt, weiß ich schon nicht mehr in dem Moment, in dem ich den Raum verlasse und wie ein Gladiator den Gang in die Arena betrete.

Auf dem Gang herrscht geschäftige Wuselei. Der Aufzug geht auf und zu. Bekannte und unbekannte Leute kommen herein und gehen hinaus. Ich warte auf Angela. Ich fühle mich irgendwie allein. Und warte und warte. Ich trage eine Startnummer. Ich bin diesmal einer von denen, die auf der Strecke und nicht an der Strecke sind. Ich bin Läufer, naja, Walker. Ich bin kein Zuschauer. Ich werde ein Finisher-T-Shirt tragen. Ich habe eine Startnummer. Ich warte auf Angela.

Wo ist eigentlich Kerstin? Irgendjemand bittet mich um meinen Rücken, genauer gesagt um meine rückwärtige Ansicht. Er macht ein Foto von der Rückseite des hbm-Shirts. Der Mann kommt mir bekannt vor, aber ich bin nicht in der Lage hier irgendjemanden zu erkennen. In meinem ganzen Leben stand ich noch nicht so unter Strom!

Ein paar Kollegen sind da. Ich wußte gar nicht, daß Herr Raisler mitläuft. Ach so, tut er gar nicht; er arbeitet eigentlich noch. Um diese Zeit?! Naja, für normale Kollegen ist das ein Arbeitstag wie jeder andere, also möglicherweise auch noch bis nach vier oder fünf Uhr.

Außerdem ist Herr Schmidt da! Der nette Mensch, der mein Büro schadstofffrei gemacht hat, auch wenn es länger dauerte als ursprünglich angenommen. Jetzt bin nur noch ich Schadstoff meines Büros. Aber auch er ist nur ein Streiflicht meiner Wahrnehmung. Ganz viele Menschen laufen da herum, von uns, vom HI, von der Uni? Keine Ahnung.

Irgendwann heißt es Aufbruch.

Unten treffe ich alle wieder. Wir landen in der U-Bahn. Nicht jetzt schon alles Pulver verschießen. Wir gehen an dem Stand mit den Bananen vorbei. Bananen ohne Ende! Was würde ich jetzt für eine Banane geben? Wir gehen um die Ecke auf den Treffpunkt mit dem Fanclub zu. Es sind schon viele Fans da. Annerose, Angela, Herr Meyer, wer noch, ich habe keine Ahnung. Alles läuft ab wie im Film. Annerose gibt mir irgendwas zu trinken, schmeckt nicht schlecht, was ist das? Eben hat sie es noch gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich binde mit Angelas Gürtel unser Fanclub-Schild an einen Baum, stehe rum, erzähle bestimmt genauso dummes Zeug wie schon die ganze Zeit, warte.

Irgendwann sollen wir zum Fotoshooting an diese merkwürdige Skulptur vor der Deutschen Bank. Herr Meyer macht Fotos. Offensichtlich sind wir alle, also Walker und Läufer, so viele, daß wir nicht auf das Foto passen. Herr Meyer muß Panoramafotos machen, die wir später zusammenkleben müssen.

Es ist angenehm warm. Zum Walken eigentlich genau richtig. Trotzdem ist mir so was von heiß, daß mir die Klamotten am Leib kleben. Keine Abkühlung in Sicht. Ich bin aufgeregt bis zum Anschlag.

Der Aufruf, zum Start zu gehen, weht zu mir heran. Arm in Arm mit Die-ter gehe ich plaudernd in die Richtung, in der wir den Start vermuten. Dieter wird schon wissen, wo es lang geht. Ich begebe mich vertrauensvoll in seine Obhut.

Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Warum? Die Frage ist schnell beant-wortet: Wir nähern uns den Dixiklos! Irre Schlangen von Läufern, die noch etwas Ballast loswerden wollen, bevor sie ihren Bestzeiten hinterherjagen. Okay, macht mal! Ich warte solange.

Ein Stückchen weiter finde ich mich unter den Arkaden des Hauses gegenüber dem Maintower. Ab hier geht es nicht mehr weiter. Die Schilder mit den Laufzeiten zeigen irgendwas zwischen 25 und 35 Minuten an. Du meine Güte, was soll ich denn hier?! Ich müßte nach meinen Berechnungen ungefähr zwei Kilometer weiter hinten stehen. Wir haben uns mit einer Stunde und 20 angemeldet, je nach Laufgeschwindigkeit. Als Zuschauer haben wir die Erfahrung gemacht, daß es teilweise nicht so vorangeht, wie man möchte, weil zwischenzeitlich mal ganz viele Läufer auf einen Haufen zusammenkommen. Da ist dann zügiges Laufen einfach nicht möglich. Deshalb haben wir Walker bei einer halben Stunde Laufzeit prinzipiell nichts zu suchen. Aber wir stehen halt mit der Mannschaft zusammen; und da sind ein paar ganz Schnelle dabei. Frau Mika übrigens, die ich heute mal von Angesicht zu Angesicht kennenlernen konnte, ist auch eine von den Fixeren. Sie finden wir hier überhaupt nicht mehr wieder.

Inzwischen stehen wie schon erwähnt tausende von Läufern um mich herum. Mir ist heiß, mit Sicherheit habe ich eine rote Bombe, und ich kann mich kaum rühren. Wie die Sardinen in der Dose! Mit entsetztem Blick auf meine Pulsuhr stelle ich einen Puls von 143 fest. Da ich noch keine codierte Pulsuhr besitze, vermute ich noch einen Fremdpuls auf meiner Anzeige. Ich tippe unseren Auszubildenden Bernd an, der als nächster zu mir steht und den ich frage, ob der eine Pulsuhr trägt. Er sieht mich erschrocken an und verneint. Von hinten tippt mich Herr Fischer an. Mein Herz bleibt stehen! Er ruft mir irgendwas ins Gesicht, was auch was mit Puls zu tun hat, aber ich schnalle es nicht. Ich stelle fest, daß mir die notwendige Coolness zu so einem Event fehlt. Ich bin mit der Situation vollkommen überfordert. Irgendwer macht Fotos, na, die werden ja klasse werden! Der Versuch einer Laufabsprache zwischen Cora, Angela, Jule, Kerstin und mir wird sofort verworfen. Kerstin bittet mich, sie nicht alleine zu lassen. Na klar!

Ich kann nicht mehr, ich will jetzt sofort nach Hause!

Plötzlich fängt alles an zu klatschen, warum, bleibt mir verschlossen. Erst viele Minuten später begreife ich, daß der Startschuß beklatscht wurde. Die Menschenmenge lockert sich auf. Freiräume sind zu erkennen. Ich atme frische Luft, als ich aus der Arkade auf die Straße geschoben werde. Oh wie schön, es geht los! Wie das wohl sein wird, über die Startlinie zu laufen, und der Wettkampf beginnt. Naja, eigentlich ist es ja kein Wettkampf, nur eine Herausforderung für Kollegen. Und was für eine! Unsere Läufer sind längst über alle Berge. Wir bewegen uns noch trippelnd voran. Ich versuche mir die Haxen nicht an herumliegenden Flaschen zu brechen. Das wäre es jetzt noch, kurz vor dem Start noch aufgeben müssen! Obwohl ich das heute morgen noch als willkommenen Grund für einen Rückzieher genommen hätte!

Als wir in die Nähe der Startlinie kommen, sehe ich an der Zeitleiste so-was um die zwanzig Minuten. Du meine Güte, die ersten Läufer sind schon fast da, und wir torkeln hier noch vor der Linie herum! Bei der Startlinienquerung denke ich gerade noch daran, meine Uhr anzuwerfen. Aber ehrlich: Ich komme mir so was von doof vor, hier zu walken (für die Zuschauer ”gehen” (mehr schaffen die wohl nicht)), während die Läufer rechts und links an mir vorbeischießen. Obwohl ich auch sagen muß, daß ich das schon unerhört finde, daß Läufer links an mir vorbei laufen, wo ich schon so links wie möglich walke, um niemanden zu behindern. Ich stelle fest: Das ärgert mich!

Irgendein Lautsprecher dröhnt mit einer männlichen Stimme in mein Ohr. Angela schreit irgendwas, worauf ich sie frage, was los sei. Sie brüllt mir was von einer ”Kunst Letzter zu werden”, ”wer seid denn ihr” und ”hbm” entgegen. Ich begreife nichts! Ich walke nur und wünschte, ich hätte Jule einen Korb gegeben. Um mich herum schreiende, lärmende Menschen, laute Musik, Männer, Frauen, witzige und schreckliche T-Shirts, Plakate, Tröten, Rasseln, kurz, eine irre Show!

An einer Linkskurve sehe ich von rechts ameisenartig Leute über Bordsteine fließen. Das müssen die aus der zweiten Startreihe sein. Ich gehe weiter. Angela läuft vor mir ein enormes Tempo, Kerstin kommt hinter mir her. Wie aus heiterem Himmel taucht Dieter neben mir auf. He, wo kommt der denn her?! Er erzählt, daß er an der Startlinie auf uns gewartet hat, aber irgendwie hat er uns übersehen. Hallo!? Was ist denn das für ein Kompliment!? Als ob man uns übersehen kann! Des Rätsels Lösung: Wir waren zu schnell!

Dieters treues Herz bleibt bei uns, das heißt bei Angela, Kerstin und mir. Cora und Jule sind wahrscheinlich schon im Ziel, von beiden ist weit und breit nichts zu sehen.

So walken wir wohlbehütet und aufgedreht unseren Weg. In dem Moment übrigens, als ich noch andere Walker außer uns gesichtet habe, fand ich es toll, daß ich Jule keinen Korb gegeben habe. Ich lasse den Rummel um mich herum auf mich einwirken und walke dem Punkt X, nämlich unserem Fanclub entgegen.

Das Schild, unser Plakat, sehe ich schon von weitem. Jedoch kann ich kei-ne Kollegen erkennen, weil sie hinter einer Wand aus Läufern versteckt sind. Da ich jetzt auch nicht wirklich zu den Riesen gehöre, erkenne ich die Truppe erst auf den letzten Drücker. Herr Nothnagel steht da (mal ehrlich, Chef, die Kamera wächst Ihnen ab fünf Leuten auf einen Haufen aus den Händen heraus, stimmt’s?), Helga sehe ich, Herrn Schäfer, Swen, der mir Kohlensäure in die Augen spritzt (das macht keinen Spaß, Swen!), und schon bin ich vorbeigerauscht. Ich bleibe nicht stehen, weil ich mir meine Zeit nicht versauen will, nein, Spaß beiseite, man kann nicht einfach stehen bleiben. Man möchte trotz der Fans wissen, wie die Geschichte ausgeht, und dafür muß man weiterlaufen! Angela, Kerstin, Dieter und ich walken weiter, aber da ist ja noch einer: Thommy D.! Auch er geleitet uns wohlwollend ins Ziel, das nicht mehr weit ist.

Der Rest der Strecke läuft sich wie von selbst. Ich sehe mich nach wie vor ständig nach Kerstin um; sie ist noch da, ihr geht es gut. Die Männer umringen sie. Angela betreibt vor mir immernoch in atemberaubendem Tempo Powerwalking. Hoffentlich halten die Knie durch!

Dann ist das Ziel in Sicht! Wir stellen uns schön in Pose, wie es auf der JPMCC-Seite vorgeschlagen wird. Schließlich wollen wir ein anständiges Finisherfoto haben! Wir sind so bei 1:17 im Ziel, das heißt, wir sind unter einer Stunde gelaufen! Das ist ja irre! Meine Pulsuhr zeigt immernoch über 140 Schläge an, ich sollte öfter unter Wettbewerbsbedingungen walken!


Ich kann mein Glück überhaupt nicht fassen!

Aber wo sind denn unsere Läufer, die schon im Ziel sind? Keiner sieht uns einlaufen, keiner jubelt uns zu oder klatscht uns Beifall, keiner da! Das ist ja ein Ding! Aber die Euphorie über die gute Leistung überwiegt, dann eben nicht!

Die Euphorie dauert noch ungefähr drei Stunden an. Ich kann es nicht fassen! Ich habe meine Startnummer ins Ziel getragen!

Auch das Nachspiel mit Umziehen, Erfahrungen austauschen und gemein-samem Essen geht wie ein Film an mir vorbei. Ich bin einfach nur glücklich! Und nächstes Jahr mache ich wieder mit. Auch wenn ich bis zuletzt wieder Ausreden suchen werde.

Andrea Gerk, #77633

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